Stellungnahme der Kampagne Ahoi zum Glasbruch in der Stephanusstr. 8 und der darauf folgenden Berichterstattung der HAZ

Im HAZ Artikel „Steine von der Heimatfront“ vom 16. Mai 2012 werden Analogien unserer Positionen zu reaktionären und rechten Denkmustern unterstellt. Unsere Kritik an Gentrifizierung wird extrem verkürzt, an vielen Stellen auch einfach nur falsch wiedergegeben.

Wir wollen diesen Artikel nicht unkommentiert lassen und unsere Einschätzungen zu den Entwicklungen in Linden hier öffentlich machen.

Gentrifi…wie bitte?

Gentrifizierung ist ein aus der Stadtsoziologie kommender Begriff, der Umstrukturierungsprozesse von Stadtteilen und damit einhergehende Verdrängunsmechanismen von Bevölkerungsgruppen beschreibt. Für diese Abläufe gibt es verschiedene Erklärungsansätze.

Eine Betrachtungsweise ist die, dass Viertel, die ein verhältnismäßig niedriges Mietniveau aufweisen, für Studierende, Künstler_innen und junge Kreative interessant werden. Diese Personengruppe wertet das Viertel kulturell auf *.  Infolge dessen entdecken Investoren den „Wert“ des Stadtteils, investieren in Immobilien und sanieren diese.

Es entwickelt sich eine Mietpreisspirale nach oben. Studierende und Kreative etablieren sich und Menschen, die finanziell besser gestellt sind als die ursprünglichen Bewohner_innen, ziehen in den Stadtteil. Das ehemals Multikulturelle, Bunte und „Szenige“ wird nur noch zur Kulisse, um Profit zu machen. Hier wird auch deutlich, dass eben nicht Künstler_innen oder Studierende diejenigen sind, denen die Verantwortung dafür zugeschoben werden kann, sondern dass das Problem in der kapitalistischen Verwertung ihres Schaffens liegt:

Ein Stadtteil wird zur Marke. Der Verkauf eines „Lebensgefühls“ lässt höhere Mieten zu.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung am Haus in der Stephanusstr: 8. Hier wirbt die Hausverwaltung mit „kulturellem Szene-Leben direkt vor der Haustür“. Der m² Preis ist dann auch mehr als doppelt so hoch wie der lindener Durchschnitt.

Faktisch findet so ein sozialer Verdrängungsprozess statt, da sich viele Menschen nicht mehr leisten können, in ihrem gewählten Viertel zu wohnen. Paradox ist, dass die Pioniere und Pioniereinnen,   die eine wichtige Rolle am Anfang des Gentrifizierungsprozesses spielen, am Ende selbst aus dem Viertel verdrängt werden.

Wir wissen, dass es auch  gentrifizierungskritische Stimmen gibt, die die „Gier der  Großinvestoren“  für diese Entwicklungen verantwortlich macht. Unsere Kritik setzt jedoch an einem anderen Punkt an: Die kapitalistische Organisierung unserer Gesellschaft.

Um im Wettbewerb bestehen zu können sind Unternehmen darauf angewiesen, möglichst gewinnbringend zu wirtschaften. Auch das Verhalten von Investoren im Immobilienbereich ist also eine logische Folge dieser Wirtschaftsweise. Auch wenn sie selbstverständlich gewisse Handlungsspielräume haben, würden sie doch ihre Existenz  als konkurrenzfähige Marktteilnehmer gefährden, wenn sie nicht der Prämisse der Gewinnmaximierung folgen würden. Trotzdem ist es richtig, dass sie in Auseinandersetzungen um Stadtteilentwicklung hineingezogen werden, weil ihr Handeln nicht unerheblichen Einfluss auf soziale Prozesse im Viertel hat.

Wenn in der Stephanusstr.8 die Scheiben klirren dann hoffentlich nicht um die Investoren oder sogar die symphatische Eisverkäuferin an den Pranger zu stellen. Wir werten das eher als einen Versuch mit den wenigen zur Verfugung stehenden Mitteln, in einen komplexen und oft schwer greifbaren Gentrifizierungsprozess einzugreifen, die Folgen abzuwenden und diese Art der Vermarktung unrentabel zu machen.

In den Zeitungen war zu lesen, dass mit dieser Aktion eine neue Stufe der Eskalation in Linden erreicht wurde. Wir sehen das anders.  Nicht die eingeworfenen Scheiben sind die neue Stufe der Eskalation, sondern Mieten oberhalb von 11 € kalt pro m².

Tenor des anfangs erwähnten HAZ-Artikels ist auch, dass Gentrifizierung in Linden überhaupt nicht stattfindet. Die Argumentation ist, dass es in Linden überdurchschnittlich viele Menschen mit geringem Einkommen sowie Bezieher_innen von Sozialleistungen gibt. Das alles widerspricht dem Fakt, dass in Linden Gentrifizierung stattfindet allerdings überhaupt nicht. Im Gegenteil, so ist  relative Armut überhaupt eine wichtige Vorraussetzung dafür. Einen wichtigen Indikator für Verdrängungsprozesse, die Steigerung des Mietpreises in Linden um 10% (im Gegensatz zu 6,7% im Stadtdurchschnitt) nennt die HAZ zwar, lässt das aber völlig unkommentiert. Im Gegensatz zur HAZ sind uns auch sehr wohl konkrete Beispiele von Verdrängungen bekannt. Einige Fälle(Link zu dem 1. Mai-Flyer) haben bereits mediale Aufmerksamkeit erfahren, andere Entwicklungen geschehen eher schleichend. So ist es in den letzten drei Jahren zu einem signifikanten Wegzug von Menschen mit Migrationshintergrund in Linden-Nord gekommen. Es kommt aber immer wieder vor, dass Betroffene zu unseren öffentlichen Plena kommen und von ihren Situationen berichten. In anderen Fällen ergreifen wir die Initiative und sprechen Betroffene an.

Von „Urlindnern“ und Zugezogenen

Im HAZ-Artikel werden Parallelen zwischen unseren Positionen und rechten Argumentationsmustern gezogen. Uns wird unterstellt, dass wir „unser Viertel“ gegen „Zugezogene“ verteidigen wollen und gefangen in provinziellem Denken, Veränderungen verabscheuen. So weit so absurd. Trotzdem halten wir es für richtig diesen Vorwürfen argumentativ zu begegnen. In unserem anfangs skizzierten Modell  der verschiedenen Gentrifizierungsphasen gibt es tatsächlich einen Punkt der  das Zuziehen von Besseverdienden als typisch beschreibt. Wir sehen diese Entwicklungen aber allenfalls als Symptom eines komplexen Prozesses, nicht jedoch als zentrales Thema, geschweige denn als Ursache. Unsere Motivation im Kampf gegen Gentrifizierung ist eben nicht „der Schutz unserer Heimat“, sondern die Utopie, allen Menschen soziale Teilhabe zu ermöglichen. In unserem Wunsch nach umfassender Partiziapation aller Bewohner_innen  eines Stadtteils und der Abschaffung hierachischer Verhältnisse unterscheiden wir uns ganz grundsätzlich von rechten Positionen. Diese sehen Teilhabe nämlich nur für einen kleinen Teil der  Gesellschaft vor und stützen sich dabei auf rassistische und biologistische Zuschreibungen.

Die HAZ lässt in ihrem Artikel auch den Politologen Andreas Thiesen zu Wort kommen, der vor allem die auf unserem Blog auftauchende Formulierung „Lebensraum“ als „provinziell und rückwärtsgewandt“ aufgreift. Wenn sich A. Thiesen jedoch an die „Positionen der Rechten erinnert fühlt, müssen wir annehmen, dass er sich nicht wirklich mit uns auseindergesetz hat. Dennoch nehmen wir diese Kritik zum Anlass, unseren vorläufigen Selbstverständnis-Text umzuformulieren und denken dass der Begriff „Lebensraum“ wegen der positiven Verwendung in Kolonialzeit und Nationalsozialismus unglücklich gewählt ist.

Weiter findet Thiesen es „paradox und konservativ“ wenn „junge Leute heute nach der Devise lebten: Alles muss bleiben, wie es ist“.

Das finden wir auch, denn auf dem Weg in eine Gesellschaft jenseits von Unterdrückung und Ausbeutung muss sich noch vieles ändern!

* Wir sehen die Formulierung der „kulturellen Aufwertung“ durchaus kritisch da sie eine Hierachsierung verschiedenr kultureller Ausdrucksweisen impliziert.

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