Inflation ist nicht alles!

In der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (08.01.2014) wurden Rechercheergebnisse des sogenannten „Gentrifizierungszweiflers“ K. Öllerer aus Linden vorgestellt. Dieser berechnete aus Daten des Dienstleisters Empirica und des Internetportals Immobilienscout 24 eine inflationsbereinigte Mietpreissteigerung für die Stadtteile Linden- Nord sowie Linden- Mitte im Zeitraum 2007- 2013. Ohne seinen Rechenweg darzulegen kommt er zu dem Schluss, dass nach der Kaufkraftbereinigung die Mieten in den Quartieren nur sehr moderat ansteigen würden.
Es ist jedoch mehr als fraglich, ob der Großteil der in diesen Vierteln lebenden Menschen innerhalb der letzten Jahre inflationsangepasste Lohnsteigerungen bekommen haben. Nur in diesem Fall wäre die tatsächliche Mehrbelastung für die Mieter_innen mit diesen Zahlen zu berechnen. Durch das Ausbleiben von Lohnanpassungen sowie der Steigerung der Lebenshaltungskosten und steigende Lebensmittel- und Energiepreise bedeutet die Erhöhung der Mieten eine weitere Belastung für die Haushalte. Auch die Entwicklung von Einkommen durch Bezug von ALG II oder BaföG steht nicht im Verhältnis zur Inflationsrate. Doch gerade Bevölkerungsgruppen, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, stellen einen beträchtlichen Teil der Lindener Wohnbevölkerung dar.
Es ist zu hinterfragen, ob die Mietpreissteigerungen in Linden tatsächlich vorrangig auf höhere Instandhaltungs- oder Beschaffungskosten zurückzuführen ist oder in durch eine bereits vorangeschrittene Aufwertung des Stadtteils begründet ist. Die Möglichkeit, durch Austausch der Wohnbelegschaft, Mieter_innen mit höherem Einkommen zu gewinnen wird für einige Hausbesitzer_innen ebenfalls eine Motivation darstellen.
Der Besitz von Wohnraum, der nicht selber genutzt wird, hat einzig die Funktion Kapital zu generieren. Die Menschen, die diesen Wohnraum teilweise seit vielen Jahren nutzen und benötigen, werden durch das Profitstreben in Bedrängnis gebracht und der Erhalt des Lebensstandards und des sozialen Umfelds gefährdet.
Ebenso fraglich ist es, die Auswirkungen der Gentrifizierung allein am Merkmal der Mietpreissteigerung abzulesen. Soziale Verdrängung findet auch durch Entmietung von Mietshäusern und darauf folgender Umwandlung in Eigentumsimmobilien statt.
In Linden- Nord und Linden- Mitte kommt es seit Jahren zur massiven Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. So geschehen beispielsweise am Lichtenbergplatz, in der Asseburgstraße 2, Fröbelstraße 6, Wilhelm- Bluhm- Straße 44 sowie weiteren Standorten. Hierbei handelt es sich nun um Wohnraum, der einem Großteil der Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung steht, sondern exklusiv Besserverdienenden. Aktuell stellt die Sanierung und Umwandlung der Wohnungen in der Jakobsstraße 13 ein Beispiel für diesen Trend dar, der nach wie vor anhält.
Betrachtet man nun die Neubauaktivitäten in den Vierteln, ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Bebauung sogenannter Baulücken, die im stark bebauten Linden eher die Ausnahme sind, wurden und werden anstelle von Sozialwohnungen oder Standardmietshäusern Gebäude mit großen und teuren Eigentumswohnungen gebaut. Beispiele hierfür sind an der Limmerstraße 98 oder der Grotestraße 20 zu finden. Diese Bebauung ist nicht bedarfsgerecht und fördert den Trend der Entwicklung hochpreisigen Wohnraumes, in dem benachbarten Hauseigentümer_innen Anreize geschaffen werden, ihre Immobilien gemäß dieses Musters umzuwandeln oder zu verkaufen.
Weiter können Indizien wie der Anteil von Belegrechtswohnungen ( Linden-Nord 2007- 2011: -2,6%), der Wegzug von Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund ( Linden- Nord: 2007 -2011: -7,5%) sowie von Arbeitslosen (Linden- Nord 2007-2011: -2,6) für einen Prozess der Gentrifizierung sprechen.

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