Gegen Lokalpatriotismus und Gentrifizierung

Seit die Gentrifizierungsdebatte in Linden geführt wird, sind Stichworte wie „Zugezogene“, „alte und neue Linder_innen“ immer öfter in, wiederkehrenden und oft wertenden, Kontexten zu hören. Dies ist für uns ein Anlass die Diskussion um Gentrifizierungs- prozesse und Stadtentwicklung selbstkritisch neu anzustoßen.

STILL NOT LOVING LINDEN
„Warum das denn nu? Ich wohne doch gerne in Linden.“
Darum geht es uns auch gar nicht. Ein großer Teil von uns lebt im Stadtteil Linden und niemand würde behaupten, dass wir das nicht auch gerne tun.
Das Gefühl, gerne in einem bestimmten Umfeld zu leben, darf jedoch nicht dazu führen, dass Mechanismen entstehen, die Ausgrenzung von Personengruppen zur Folge haben. Ebenso wenig hat es gemein mit Marketingstrategien, die diese positive Bezugnahme auf das soziale Umfeld unter kapitalistischen Gesichtspunkten verwerten.
Somit ist „Still not loving Linden“ kein Statement gegen die Bewohner_innen eines Stadtteils, sondern eines gegen Lokalpatriotismus und kapitalistische Verwertung.

stillnotgraffiti
Graffiti an einer Lindener Hauswand

Unsere Gentrifizierungskritik richtet sich gegen die kapitalistische Verwertungslogik, die das Bedürfnis nach Wohnraum zu einer Ware macht. Hier greift die kapitalistische Marktlogik und fördert eine Stadtentwicklung, die das Herausbilden eines profitablen Standortes zum Ziel hat. Konkurrenz besteht zum einen zwischen denen, die Wohnraum anbieten und zum anderen den Wohnungssuchenden. Auch das Warenangebot umliegender Geschäfte unterliegt profitorientierten Gesichtspunkten. Der Standort insgesamt tritt wiederum in Konkurrenz zu weiteren Quartieren, sei es innerhalb der Stadt oder überregional. Konkurriert wird um Investitionen, sowohl im Bereich der Sanierung von Wohnraum als auch im Gewerbebereich. Das Interesse der kapitalistischen Stadt sind vorrangig Einnahmen, die aus der Entwicklung eines Quartiers als Wirtschaftsstandort zu generieren sind.
Dies erzeugt einen weiteren Verwertungsdruck, um den Anforderungen auf dem Markt gerecht zu werden. Um ein Quartier attraktiv für potentielle Bewohner_innen zu machen, werden Aufwertung von Wohnraum und eine Umstrukturierung des umliegenden Gewerbebereiches in Kauf genommen und gefördert. Es ist deutlich, dass Aufwertungsprozesse in Stadtteilen oft ein Umfeld haben, für die eine starke kulturelle Szene und ein „buntes Leben“ typisch sind. Diese durchaus positiven Attribute werden in Standortfaktoren umgewandelt.

Linden als Marketingstrategie im Gentrifizierungsprozess
Wer mit offenen Augen über die Limmerstraße, die Stephanusstraße, den Kötnerholzweg oder wahlweise auch eine andere x-beliebige Straße in Linden läuft, wird beobachten, dass etliche Ladengeschäfte Produkte im Linden- Design anzubieten haben. T- Shirts mit dem Heizkraftwerk, I Love Linden-Tassen, Umhängebeutel oder anderer Tinnef suchen potentielle Konsument_innen.
Sinn dieser Produkte ist es, eine Identität mit dem Stadtteil zu generieren und den Wunsch, diese auch zum Ausdruck zu bringen, zu steigern. Die von vielen Studierenden, Migrant_innen, Familien und allen anderen hier lebenden Menschen (oder auch von denen, die mal hier gewohnt haben) geprägte kulturelle Vielfalt, die außerhalb des Quartiers teilweise als „lindentypisch“ bezeichnet wird, wird vermarktet. Aus kultureller Lebendigkeit wird ökonomisches Kapital geschlagen.
Mit der Kapitalisierung dieser Charakteristika werden individuell und kollektiv entwickelte Lebensgefühle standardisiert und über den Umweg „Linden als Marke“ zur Ware gemacht. Das passiert jedoch nicht nur auf Basis von SchnickSchnack, sondern wird auch für die Bewerbung neu sanierter bzw. neugebauter Eigentumswohnungen genutzt. „Wohnen im Szeneviertel“ prangte vor gar nicht so langer Zeit auf dem Werbebanner am Neubau der Limmerstraße 98. Auch andere Immobilien werden mit ähnlichen Slogans beworben. Diese Marketingstrategie läuft einher mit Gentrifizierungsprozessen und ist auch in anderen Städten zu beobachten

Limmer98
Werbebanner an der Limmerstraße 98 im September 2013

Lindener_innen als bessere Bürger_innen?
In der Diskussion um neu gebaute Eigentumswohnungen oder Umwandlungsprojekte wird der vorgebrachten Kritik, dass die Schaffung von höherpreisigem Wohnraum ökonomisch benachteiligte Menschen aus dem Stadtteil verdrängt, immer wieder entgegengestellt, dass die neu sanierten Wohnungen ja von Lindener_innen bezogen würden. Das dient als Legitimierung für die Umwandlung von Miet- zu Eigentumswohnungen. Hier wird eine Unterscheidung zwischen „bösen Zugezogenen“ und „guten Lindener_innen“ suggeriert, dabei verläuft die eigentliche Grenze vielmehr entlang von Einkommensgrenzen. Die Aufwertung des Stadtteils und die damit einhergehende Verknappung günstigen Wohnraums findet also dennoch statt. Schuld daran haben weder Zugezogene noch Lindener_innen, die sich auf Grund ihrer ökonomischen Situation auch die teureren Eigentumswohnungen leisten können. Anstelle von Personen oder Personengruppen ist die Ursache der sozialen Verdrängung in der Marktlogik des (Wohnungs-)marktes zu suchen. Entsprechend der Grundregeln des Kapitalismus müssen Profite generiert und ein entsprechendes Umfeld, in diesem Falle ein „szeniges“, identitätsstiftendes Wohnumfeld, für die Entwicklung des Marktes geschaffen werden.

Lokalpatriotismus und Heimatliebe
Die identitätsstiftende Funktion des Stadtteilimages und das Gefühl, zu etwas Besonderen dazuzugehören beinhaltet immer auch den Ausschluss von anderen Menschen aus dieser konstruierten Gruppe. Dabei bleibt die Frage, warum die eigene Identität sich auf einem künstlich erzeugten Konstrukt, einer administrativen Einheit, dem Stadtteil gründen sollte.
Auch Lokalpatriotismus ist Patriotismus. Die positive Bezugnahme auf ein räumlich abgestecktes Terrain schafft immer Mechanismen von Inklusion und Exklusion. “Die Anderen“ dienen in dieser Logik als Negativfolie und Projektionsfläche für Stereotype, die oft an rassistische oder antisemitische Diskurse anknüpfen/ die in der “eigenen Gruppe” nicht vorkommen sollen. Das lehnen wir grundsätzlich ab.
Als „die Anderen“ wurden beispielsweise die sogenannten „Partytouristen“ identifiziert. Gemeint sind meist junge Menschen, die sich am Wochenende auf den Weg nach Linden machen um hier mit ihren Freund_innen Discos und Bars zu besuchen oder an lauen Sommernächten auf der Wiese oder an der Limmerstraße rumzuhängen. Diese konstruierte Gruppe muss nun dafür herhalten, dass einige Anwohner sich durch den zunehmenden Geräuschpegel gestört fühlen. Denn sie sind es angeblich, die sich auf den ansonsten ruhigen Straßen daneben benehmen und betrunken die Vorgärten vollpissen. „Die Anderen“ sind aber auch Zugezogene, die sich auf Grund der attraktiven Wohnlage entschließen sich eine Wohnung in Linden zu kaufen. Sie werden für die Steigerung von Mieten und den Mangel von Wohnraum im Stadtteil verantwortlich gemacht. Ziehen „Linderner_innen“ in eine der sanierten Eigentumswohnungen wird dann schon mal ausgeführt, dadurch würde auch wieder Wohnraum in Linden frei und somit hätte das auch nichts mit Verdrängungsprozessen zu tun.

Still loving …
Wir setzen uns für Veränderungen ein, die sich jedoch an menschlichen Bedürfnissen orientieren sollen und nicht der Logik unterworfen sind, Kapital zu akkumulieren. Das Ziel muss sein, einer befreiten und hierarchiefreien Gesellschaft immer näher zu kommen, in der ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Menschen möglich ist.

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